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Afrika gerecht werden
=> Ein Kommentar von Lars Büthe
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Deutschland 2009: Alle reden von Gerechtigkeit. Die
eine Partei fordert unter dem Motto „Leistung muss sich wieder
lohnen“ ein „gerechtes Steuersystem“. Auf der anderen
Seite des politischen Spektrums wird die Hartz-IV-Gesetztgebung nicht nur
als ungerecht, sondern als „menschenunwürdig“ angeprangert.
Die Beschäftigung mit Afrika hilft, hier Maßstäbe
zurechtzurücken:
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Wie
erwirtschaften die vom Fiskus „drangsalierten“ Leistungsträger in
Deutschland ihr Einkommen? Unbestreitbar zu großen Teilen dadurch, dass sie auf
gesellschaftliche Vorleistungen zurückgreifen. Der überwiegenden Mehrheit der
Afrikanerinnen und Afrikaner steht kein vergleichbarer gesellschaftlicher
Kapitalstock zur Verfügung. Das Afrika-Seminar der Hellwegregion machte dies
schlaglichtartig deutlich:
Die Schülerinnen und Schüler der „Martin-Luther-Highschool“ in
Namibia sind oftmals älter als es der besuchten Jahrgangsstufe entspricht, da
sie ihren Schulbesuch unterbrechen mussten, um durch Erwerbsarbeit das
Familieneinkommen aufzubessern. Es darf hinzugefügt werden: Vielen ist der
Weg an eine Sekundarschule aus wirtschaftlichen Gründen gänzlich verbaut,
bekanntlich ist in vielen afrikanischen Ländern selbst der Grundschulbesuch
keine Selbstverständlichkeit.
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Auf
dem Seminar wurde auch der Klimawandel thematisiert. Während die Folgen des
Klimawandels im Detail strittig sind, da sie in Wechselwirkung mit anderen
Faktoren treten, werden die Ursachen kaum noch in Zweifel gezogen: Die
Emission von Treibhausgasen, wobei Kohlendioxid aus der Verbrennung fossiler
Energieträger die Hauptrolle spielt. Der
Anteil Afrikas an den kumulierten CO2-Emissionen seit dem Beginn der
Industrialisierung ist verschwindend gering. Anknüpfend an das oben gesagte
ist festzustellen, dass die Kohle, das Öl und das Erdgas ganz überwiegend
dazu verwendet worden sind, um den Kapitalstock der westlichen
Industrienationen aufzubauen. Dies ist der Grundgedanke des Konzepts der
„Ökologischen Schulden“, die der Westen gegenüber den Ländern
angehäuft hat, die bislang wenig von der Nutzung der fossilen Brennstoffe
profitiert haben, aber in Zukunft verstärkt unter den Folgen zu leiden haben
werden. Aber diese ökologischen Schulden sind nur ein Posten in der Bilanz:
Vom Sklavenhandel über die Kolonialwirtschaft bis hin zu den heutigen
Zollschranken und Handelsungleichgewichten hat der Westen gegenüber Afrika
„Schulden“ angehäuft – moralische wie materielle.
Gerechtigkeit ist ein hehres, nie gänzlich erreichbares
Ziel – vor allem aber ist es ein Abstraktum. Konkret erfahrbar ist zumeist die Ungerechtigkeit. Und es ist in
der politischen Praxis vielleicht nicht der schlechteste Ansatz,
Gerechtigkeit über die Beseitigung offensichtlicher Ungerechtigkeiten zu
definieren.
Das Afrika-Seminar der Hellwegregion hat viele solcher
Ungerechtigkeiten aufgezeigt:
Die Zahl der Umweltflüchtlinge wird auf 50 Millionen
geschätzt. Dies entspricht ungefähr der Zahl der aus politischen Gründen zur
Flucht Gezwungenen. Oftmals greifen mehrere Ursachen ineinander. Aus der
Sicht der Betroffenen ist es wahrscheinlich zweitrangig, ob sie
Niederschlagsmangel oder ein Bürgerkrieg aus ihrer Heimat vertrieben haben.
Die Landbevölkerung verliert mit der Flucht ihr Ackerland und büßt damit die
Lebensgrundlage ein.
In Guinea werden Bodenschätze teils illegal exportiert.
Dem Staat entgehen Steuern und Abgaben, stattdessen kassieren in Guinea nur
einige Wenige Bestechungsgelder. Zudem dürften die illegalen Exporte den
Preis der Rohstoffe drücken. Das
niedrige Lohnniveau ist ein weiterer Faktor, der dazu führt, dass die
Wertschöpfung ganz überwiegend im Ausland stattfindet und je nach Produkt
Hersteller, Händler und nicht zuletzt die Konsumentinnen und Konsumenten im
Westen von der Ausbeutung der Natur und der Arbeitskraft in Guinea
profitiert.
Auch die Liste der konkreten Ungerechtigkeiten ließe sich
nahezu beliebig erweitern: Korruption kennt einige Profiteure und viele
Opfer. Staatliche Lohnzahlungen bleiben zuweilen aus. Geldvermögen werden
durch Inflation aufgezehrt.
Wer sich für Gerechtigkeit einsetzt, sollte also auch
– wenn nicht zuerst – nach Afrika schauen. Dem Motto
„global denken – lokal handeln“ gemäß sind wir im Westen
aufgerufen, die Energiewende zu vollziehen, damit der Klimawandel eingedämmt
werden kann. Wir sind aufgerufen zu hinterfragen, wo unsere Konsumgüter und
Nahrungsmittel unter welchen Bedingungen erzeugt werden. Wir sind aufgerufen,
die Handelspolitik unserer Regierungen kritisch zu hinterfragen. Und wir sind
aufgerufen, einen direkten Finanztransfer nach Afrika zu organisieren, um die
afrikanischen Staaten und die afrikanische Zivilgesellschaft bei den vielen
Herausforderungen zu unterstützen – auch bei der Bewältigung der
direkten und indirekten Folgen des Klimawandels.
Der Energiewende kommt auch bei der Finanzierung einer
global gerechten Entwicklung eine Schlüsselrolle zu: Im Jahr 2006 hat allein
Deutschland Kohle, Gas und Öl im Wert von ca. 70 Milliarden Euro eingeführt.
Langfristig besteht also durchaus die Chance, durch Energiesparen und die
Nutzung erneuerbarer Energien erhebliche Finanzmittel umzuschichten. Aber es
wäre fahrlässig, darauf zu warten, dass Mittel „frei werden“. Es
muss jetzt gehandelt werden. Die Erlöse aus der Versteigerung der
CO2-Zertifikate können wahrscheinlich am ehesten zu Gunsten eines Klimawandel-Anpassungsfonds
verwendet werden. Wichtiger als die technischen Details scheint ein
grundsätzlicher Bewusstseinswandel.
Der Blick nach
Afrika sollte auch die Maßstäbe zurechtrücken, was Menschenwürde und was
Solidarität bedeuten. Solidarität darf nicht an der deutschen Grenze enden.
Unsere Wirtschaft ist längst globalisiert – unser Bewusstsein noch
nicht!
Afrika gerecht werden – diese Forderung ist
nicht nur in einem materiellen Sinne zu verstehen. Es geht auch darum, die kulturellen
Leistungen angemessen zu würdigen und ein differenzierteres und damit auch in
vieler Hinsicht positiveres Bild von Afrika zu vermitteln.
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Die
vielleicht interessanteste Diskussion des Seminars drehte sich um die Frage,
wie eine ausführlichere und ausgewogenere Berichterstattung über Afrika erzielt werden könne. Sind es die
deutschen Medien und die westlichen Nachrichtenagenturen, die latent
rassistisch die Meldungen auswählen und mehr oder weniger bewusst
manipulieren? Oder ist Afrika gefordert? Müssen die staatlichen,
wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteure in Afrika das bekannte
Marketing-Motto „Tue Gutes und rede darüber“ für sich entdecken?
Sicherlich bewährt es sich auch hier, das Eine zu tun ohne
das Andere zu lassen. Der pragmatischere Ansatz besteht allerdings darin,
Positives in und für Afrika zu bewirken. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Hier stimmt die marxistische Maxime: Wenn an afrikanischen Theaterbühnen die
originellsten Inszenierungen zu sehen sind, wenn an afrikanischen Hochschulen
exzellente Forschungsergebnisse erzielt werden oder wenn afrikanische
Unternehmen wegweisende Geschäftsmodelle entwickeln, werden die westlichen
Medien nicht umhinkommen, darüber positiv zu berichten.
Selbstverständlich
gibt es auch in der Medienwelt eine gewisse Trägheit des Systems. Dies gilt
für die Erwartungshaltungen in den Redaktionen und für das Publikumsinteresse
aber auch für die Organisationsstruktur und das Korrespondentennetz.
Sicherlich gibt es Verzerrungen im medial vermittelten Afrika-Bild, die
altbekannte rassistische Klischees bedienen. Hierauf im konkreten Fall per
Leserbrief aufmerksam zu machen, kann durchaus das Bewusstsein in den
Redaktionen und der Leserschaft schärfen. Eine pauschale Medienschelte
entfaltet hingegen selten eine nachhaltig positive Wirkung. Ist es nicht
ohnehin illusorisch, von einer einzelnen Zeitung eine
„ausgewogene“ Berichterstattung zu verlangen? Soll jede Meldung
über einen Missstand durch eine positive Nachricht ausgeglichen werden? Der Schlüssel zur Ausgewogenheit liegt in
der Vielfalt. Der Pluralismus der Meinungen und der Themen ist
entscheidend. Hierbei spielen Projekte wie das Magazin „Africa Positive“,
die diversen Nachrichtenportale und Blogs im Internet oder E-mail-Newsletter
eine wichtige Rolle.
Dem breiten Publikum ein differenziertes Bild von Afrika
zu vermitteln, bleibt schwierig. Hier sei vor zu hohen Erwartungen gewarnt:
Subsahara-Afrika ist aus deutscher Sicht „weit weg“ – und
das nicht nur im übertragenen Sinne. Ein Blick auf den Globus lehrt: Die
Entfernung zum Golf von Guinea entspricht ungefähr der nach Neufundland und
ist größer als die zum Kaspischen Meer. Wie differenziert ist unser Neufundland-Bild?
Wer kann die Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres benennen?
Respekt vor den Menschen, ihren individuellen Leistungen
und ihrer Kultur ist aber keineswegs nur eine Frage des Wissens. Afrika
gerecht werden kann auch, wer nicht weiß, wie die Hauptstadt von Guinea
heißt!
Das Afrika-Seminar fand in Koop. mit der VHS
statt und wurde über InWent (Internationale Weiterbildung und Entwicklung
gGmbH) aus Mitteln des BMZ und vom EED (Ev. Entwicklungsdienst) gefördert.

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