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Mai 2009

Afrika-Seminar der Hellwegregion

Ablauf

Inputs

Klimawandel

Klimaflüchtlinge

Nigeria

Guinea

Kongo

Mittagessen

Tansania

Namibia

Das Afrika-Bild

Auswertung

Afrika gerecht werden
=> Ein Kommentar von Lars Büthe

Deutschland 2009: Alle reden von Gerechtigkeit. Die eine Partei fordert unter dem Motto „Leistung muss sich wieder lohnen“ ein „gerechtes Steuersystem“. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums wird die Hartz-IV-Gesetztgebung nicht nur als ungerecht, sondern als „menschenunwürdig“ angeprangert.
Die Beschäftigung mit Afrika hilft, hier Maßstäbe zurechtzurücken:

Wie erwirtschaften die vom Fiskus „drangsalierten“ Leistungsträger in Deutschland ihr Einkommen? Unbestreitbar zu großen Teilen dadurch, dass sie auf gesellschaftliche Vorleistungen zurückgreifen. Der überwiegenden Mehrheit der Afrikanerinnen und Afrikaner steht kein vergleichbarer gesellschaftlicher Kapitalstock zur Verfügung. Das Afrika-Seminar der Hellwegregion machte dies schlaglichtartig deutlich:
Die Schülerinnen und Schüler der „Martin-Luther-Highschool“ in Namibia sind oftmals älter als es der besuchten Jahrgangsstufe entspricht, da sie ihren Schulbesuch unterbrechen mussten, um durch Erwerbsarbeit das Familieneinkommen aufzubessern. Es darf hinzugefügt werden: Vielen ist der Weg an eine Sekundarschule aus wirtschaftlichen Gründen gänzlich verbaut, bekanntlich ist in vielen afrikanischen Ländern selbst der Grundschulbesuch keine Selbstverständlichkeit.

Auf dem Seminar wurde auch der Klimawandel thematisiert. Während die Folgen des Klimawandels im Detail strittig sind, da sie in Wechselwirkung mit anderen Faktoren treten, werden die Ursachen kaum noch in Zweifel gezogen: Die Emission von Treibhausgasen, wobei Kohlendioxid aus der Verbrennung fossiler Energieträger die Hauptrolle spielt. Der Anteil Afrikas an den kumulierten CO2-Emissionen seit dem Beginn der Industrialisierung ist verschwindend gering. Anknüpfend an das oben gesagte ist festzustellen, dass die Kohle, das Öl und das Erdgas ganz überwiegend dazu verwendet worden sind, um den Kapitalstock der westlichen Industrienationen aufzubauen. Dies ist der Grundgedanke des Konzepts der „Ökologischen Schulden“, die der Westen gegenüber den Ländern angehäuft hat, die bislang wenig von der Nutzung der fossilen Brennstoffe profitiert haben, aber in Zukunft verstärkt unter den Folgen zu leiden haben werden. Aber diese ökologischen Schulden sind nur ein Posten in der Bilanz: Vom Sklavenhandel über die Kolonialwirtschaft bis hin zu den heutigen Zollschranken und Handelsungleichgewichten hat der Westen gegenüber Afrika „Schulden“ angehäuft – moralische wie materielle.
Gerechtigkeit ist ein hehres, nie gänzlich erreichbares Ziel – vor allem aber ist es ein Abstraktum. Konkret erfahrbar ist zumeist die Ungerechtigkeit. Und es ist in der politischen Praxis vielleicht nicht der schlechteste Ansatz, Gerechtigkeit über die Beseitigung offensichtlicher Ungerechtigkeiten zu definieren.
Das Afrika-Seminar der Hellwegregion hat viele solcher Ungerechtigkeiten aufgezeigt:
Die Zahl der Umweltflüchtlinge wird auf 50 Millionen geschätzt. Dies entspricht ungefähr der Zahl der aus politischen Gründen zur Flucht Gezwungenen. Oftmals greifen mehrere Ursachen ineinander. Aus der Sicht der Betroffenen ist es wahrscheinlich zweitrangig, ob sie Niederschlagsmangel oder ein Bürgerkrieg aus ihrer Heimat vertrieben haben. Die Landbevölkerung verliert mit der Flucht ihr Ackerland und büßt damit die Lebensgrundlage ein.
In Guinea werden Bodenschätze teils illegal exportiert. Dem Staat entgehen Steuern und Abgaben, stattdessen kassieren in Guinea nur einige Wenige Bestechungsgelder. Zudem dürften die illegalen Exporte den Preis der Rohstoffe drücken. Das niedrige Lohnniveau ist ein weiterer Faktor, der dazu führt, dass die Wertschöpfung ganz überwiegend im Ausland stattfindet und je nach Produkt Hersteller, Händler und nicht zuletzt die Konsumentinnen und Konsumenten im Westen von der Ausbeutung der Natur und der Arbeitskraft in Guinea profitiert.
Auch die Liste der konkreten Ungerechtigkeiten ließe sich nahezu beliebig erweitern: Korruption kennt einige Profiteure und viele Opfer. Staatliche Lohnzahlungen bleiben zuweilen aus. Geldvermögen werden durch Inflation aufgezehrt.
Wer sich für Gerechtigkeit einsetzt, sollte also auch – wenn nicht zuerst – nach Afrika schauen. Dem Motto „global denken – lokal handeln“ gemäß sind wir im Westen aufgerufen, die Energiewende zu vollziehen, damit der Klimawandel eingedämmt werden kann. Wir sind aufgerufen zu hinterfragen, wo unsere Konsumgüter und Nahrungsmittel unter welchen Bedingungen erzeugt werden. Wir sind aufgerufen, die Handelspolitik unserer Regierungen kritisch zu hinterfragen. Und wir sind aufgerufen, einen direkten Finanztransfer nach Afrika zu organisieren, um die afrikanischen Staaten und die afrikanische Zivilgesellschaft bei den vielen Herausforderungen zu unterstützen – auch bei der Bewältigung der direkten und indirekten Folgen des Klimawandels.
Der Energiewende kommt auch bei der Finanzierung einer global gerechten Entwicklung eine Schlüsselrolle zu: Im Jahr 2006 hat allein Deutschland Kohle, Gas und Öl im Wert von ca. 70 Milliarden Euro eingeführt. Langfristig besteht also durchaus die Chance, durch Energiesparen und die Nutzung erneuerbarer Energien erhebliche Finanzmittel umzuschichten. Aber es wäre fahrlässig, darauf zu warten, dass Mittel „frei werden“. Es muss jetzt gehandelt werden. Die Erlöse aus der Versteigerung der CO2-Zertifikate können wahrscheinlich am ehesten zu Gunsten eines Klimawandel-Anpassungsfonds verwendet werden. Wichtiger als die technischen Details scheint ein grundsätzlicher Bewusstseinswandel.
Der Blick nach Afrika sollte auch die Maßstäbe zurechtrücken, was Menschenwürde und was Solidarität bedeuten. Solidarität darf nicht an der deutschen Grenze enden. Unsere Wirtschaft ist längst globalisiert – unser Bewusstsein noch nicht!

Afrika gerecht werden – diese Forderung ist nicht nur in einem materiellen Sinne zu verstehen. Es geht auch darum, die kulturellen Leistungen angemessen zu würdigen und ein differenzierteres und damit auch in vieler Hinsicht positiveres Bild von Afrika zu vermitteln.

Die vielleicht interessanteste Diskussion des Seminars drehte sich um die Frage, wie eine ausführlichere und ausgewogenere Berichterstattung über Afrika erzielt werden könne. Sind es die deutschen Medien und die westlichen Nachrichtenagenturen, die latent rassistisch die Meldungen auswählen und mehr oder weniger bewusst manipulieren? Oder ist Afrika gefordert? Müssen die staatlichen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteure in Afrika das bekannte Marketing-Motto „Tue Gutes und rede darüber“ für sich entdecken?
Sicherlich bewährt es sich auch hier, das Eine zu tun ohne das Andere zu lassen. Der pragmatischere Ansatz besteht allerdings darin, Positives in und für Afrika zu bewirken. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Hier stimmt die marxistische Maxime: Wenn an afrikanischen Theaterbühnen die originellsten Inszenierungen zu sehen sind, wenn an afrikanischen Hochschulen exzellente Forschungsergebnisse erzielt werden oder wenn afrikanische Unternehmen wegweisende Geschäftsmodelle entwickeln, werden die westlichen Medien nicht umhinkommen, darüber positiv zu berichten.

Selbstverständlich gibt es auch in der Medienwelt eine gewisse Trägheit des Systems. Dies gilt für die Erwartungshaltungen in den Redaktionen und für das Publikumsinteresse aber auch für die Organisationsstruktur und das Korrespondentennetz. Sicherlich gibt es Verzerrungen im medial vermittelten Afrika-Bild, die altbekannte rassistische Klischees bedienen. Hierauf im konkreten Fall per Leserbrief aufmerksam zu machen, kann durchaus das Bewusstsein in den Redaktionen und der Leserschaft schärfen. Eine pauschale Medienschelte entfaltet hingegen selten eine nachhaltig positive Wirkung. Ist es nicht ohnehin illusorisch, von einer einzelnen Zeitung eine „ausgewogene“ Berichterstattung zu verlangen? Soll jede Meldung über einen Missstand durch eine positive Nachricht ausgeglichen werden? Der Schlüssel zur Ausgewogenheit liegt in der Vielfalt. Der Pluralismus der Meinungen und der Themen ist entscheidend. Hierbei spielen Projekte wie das Magazin „Africa Positive“, die diversen Nachrichtenportale und Blogs im Internet oder E-mail-Newsletter eine wichtige Rolle.
Dem breiten Publikum ein differenziertes Bild von Afrika zu vermitteln, bleibt schwierig. Hier sei vor zu hohen Erwartungen gewarnt: Subsahara-Afrika ist aus deutscher Sicht „weit weg“ – und das nicht nur im übertragenen Sinne. Ein Blick auf den Globus lehrt: Die Entfernung zum Golf von Guinea entspricht ungefähr der nach Neufundland und ist größer als die zum Kaspischen Meer. Wie differenziert ist unser Neufundland-Bild? Wer kann die Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres benennen?
Respekt vor den Menschen, ihren individuellen Leistungen und ihrer Kultur ist aber keineswegs nur eine Frage des Wissens. Afrika gerecht werden kann auch, wer nicht weiß, wie die Hauptstadt von Guinea heißt!

Das Afrika-Seminar fand in Koop. mit der VHS statt und wurde über InWent (Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH) aus Mitteln des BMZ und vom EED (Ev. Entwicklungsdienst) gefördert.

 

 

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